Bundessportfest, Römerturm und „Messe“ (1968-1971)

Im Sommersemester 1968, unter Senior Bbr. Robert Pauser, zeichneten sich starke neue Impulse und Entwicklungen im Verbindungsgeschehen ab. Der stärkste Impuls und zugleich eine große organisatorische Herausforderung war die Organisation und Durchführung des Ersten MKV-Bundessportfestes vom 21. bis 23. Juni 1968 in Tulln. Zwei eigene Seiten dieser Festschrift sind dem MKV-Bundessportfest gewidmet. Den Beitrag dazu hat Bbr. Ing. Dietrich Heindl als Hauptverantwortlicher des Bundessportfestes verfasst. Weiters wurde in diesem Semester der Plan einer neuen Bude im historischen Salzturm, heute „Römerturm“ genannt, bereits so konkret, dass sich die Verbindung um zusätzliche Mittel für den inzwischen geschaffenen Budenfonds umsehen musste. Der aus der Spätantike (300-360 n.Chr.) stammende Turm wurde seit 1929 als Betraum der Evangelischen Kirchengemeinde genützt. Diese hatte sich im Langenlebarner Viertel eine eigene Kirche gebaut, sodass der Turm nun für eine neue Nutzung frei wurde. In dem nun einsetzenden Ringen um eine neue Widmung des historischen Salzturms, wobei der Plan bestand, dort eine Dependance des Heimatmuseums einzurichten, hatte unsere Comagena im jungen Bürgermeister der Stadt Tulln, Bbr. Edwin Pircher, den entscheidenden Fürsprecher, im Salzturm die neue Bude Comagenae zu errichten. Als nun die Möglichkeit bestand, durch Parkwächterdienste bei den Tullner Messeveranstaltungen Mittel für den Budenfonds zu beschaffen, griff unsere Verbindung gerne zu. Zugleich setzte während dieses Semesters ein wahrer Strom an Fuchsen zur Comagena ein: Schon im Sommer 1968 zählte unsere Verbindung elf Fuchsen. Außerdem sind noch folgende Veranstaltungen hervorzuheben: Im Rahmen von ACAC sprachen Kaplan Anton Uiberall über „Das Regierungsprogramm des Herrn“, Prof. Friedrich Förstel über Musikprobleme und Bernhard Seyr über seinen Studienaufenthalt in der Sowjetunion; dann sind ein weiteres Tanzkränzchen im „Zimmerer-Keller“, ein Fuchsenkränzchen sowie der sehr gelungene Couleurausflug nach Dürnstein zu erwähnen.

Auch das Wintersemester 1968/69, unter Senior Bbr. Wolfgang Siller, war nicht weniger ereignisreich als das vorangegangene Semester. Den Höhepunkt im Veranstaltungskalender bildete zweifellos das 35. Stiftungsfest, das durch die Anwesenheit von Fbr. Bundeskanzler Dr. Josef Klaus und hoher Kartellchargen ausgezeichnet war; anlässlich dieses Stiftungsfestes wurde der so vielfach um die Verbindung verdiente Gründungssenior Bbr. Prof. Josef Tasler mit dem Ehrenring ausgezeichnet. Bei diesem Stiftungsfest wurde mit e.v. Markomannia St. Andrä-Wördern das Freundschaftsband getauscht. Nach der Landesvaterkneipe wurde ein sehr gut besuchter Weihnachtskommers gefeiert, bei dem Kaplan Anton Uiberall, der bis 1971 Verbindungsseelsorger war, und Ing. Josef Girschik als Bandphilister sowie Dr. Anton Hogl als Ehrenphilister in die Verbindung aufgenommen wurden. Bildungsveranstaltungen im Rahmen von ACAC hielten in diesem Semester Pfarrer Franz Krondorfer zu den Themen „Humanae vitae“ und „Denkt und handelt die Kirche sozial?“ sowie Fbr. Wychera, der den Comagenen zeigte, wie man „Per Autostopp nach Kaschmir“ kommt, und schließlich Prof. Irmgard Jankowij zum Thema „Gefühl und Intellekt in der Malerei des 20. Jhs.“. Daneben sind auch zwei Beatparties, eine Silvesterparty und ein Faschingsabend zu erwähnen. Comagena hatte in seiner Geschichte nie so viele Fuchsen wie in diesem Semester: Fuchsmajor Helmuth Wagner hatte zeitweilig bis zu 19 Fuchsen zu betreuen. Nun glaubten viele Comagenen, dass auf Grund dieser personellen Situation Comagena wieder zu einer „echten“ MKV-Verbindung werden und damit das Odium einer „versteckten CV-Verbindung“ ablegen könne. Es herrschte eine Art Aufbruchsstimmung: „Auch bei uns drängt die Jugend nach, es werden vielleicht schon in den nächsten Semestern Zeiten kommen, in denen alle Chargen Mittelschüler sind. Die Zukunft wird uns lehren, ob das gut ist oder nicht!“ So beschrieb der Chronist dieses Semesters, Bbr. Karl Jurka, die Situation. Leider war diese Aufbruchsstimmung des „Fuchsia über alles!“ von teilweise sehr heftigen Angriffen auf die ältersemestrigen aktiven Burschen begleitet.

Bbr. Wolfgang Siller war auch Senior Comagenae im Sommersemester 1969, das im Zeichen vielfältiger Aktivitäten und starker Fuchsenarbeit stand.Vier interessante Allgemeine Convente bereicherten das Wissen der Bundesbrüder: Zunächst setzte Fbr. Wychera seinen Vortrag über seine Kaschmirreise fort, dann sprach Bbr. Bgm. Edwin Pircher über „MKV und Politik“, erläuterte Bbr. Pfarrer Anton Uiberall den „Prozess Jesu“, und schließlich sprach Fbr. Dr. Kronhuber über „Geistige Landesverteidigung – eine typische Public-Relations-Aufgabe“. Vielen Bundesbrüdern werden auch die Gesangsconvente dieses und der folgenden Semester in Erinnerung sein, die vor allem unter der Leitung von Bbr. Prof. Herbert Nanka standen. Ein „Couleurbummel“ nach Langen-schönbichl am 1. Mai begründete die Tradition der Maiwanderungen, ein Tanzkränzchen im Hause Zimmerer, die Teilnahme am Pennälertag in Eisenstadt und ein gelungenes Auftreten der Comagena-Fußballmannschaft beim 3:2 gegen e.v. Bergland Wieselburg rundeten das Semesterprogramm ab.

Während der Ferialis 1969 wurde mit Bescheid vom 3. Juli 1969 Comagena Pächterin des historischen Salzturmes: Nach so vielen Budenstandorten bot sich nun endlich die Chance, ein ständiges Domizil für unsere Studentenverbindung zu finden. Sofort wurde ein Budenkomitee unter Führung von Bbr. Prof. Dr. Roderich Geyer ins Leben gerufen, das nun mehr als ein Jahr lang alle Hände voll zu tun hatte, um den Salzturm als Bude Comagenae zu adaptieren. Außerdem wurden während der Ferialis die Parkwächterdienste wieder aufgenommen, ein Couleurausflug nach Weissenkirchen durchgeführt und eine Exkneipe im Gasthof Figl zu Wolfpassing geschlagen.

Im Wintersemester 1969/70 waren unter Senior Bbr. Karl Jurka alle Chargen Mittelschüler, wenn man von Fuchsmajor Bbr. Wolfgang Siller absieht. Dieses Semester stand ganz im Zeichen geistiger Aktivitäten und intellektueller Ansprüche. Denn neben den traditionellen Veranstaltungen des Stiftungsfestes, der Landesvaterkneipe und des Weihnachtskommerses wurden sieben Bildungsveranstaltungen abgehalten. Neben drei ACAC, bei denen Bbr. Alfred Paal über „Währungspolitik“ sprach, die BbrBbr. Rudolf Keindl, Gottfried Stahl und Erwin Frasl über ihre Indienreise berichteten und Bbr. Prof. Dr. Roderich Geyer gemeinsam mit Prof. Pfarrer Franz Krondorfer die „Hierarchie der Kirche“ erläuterte, fanden drei Bildungsabende und eine Diskussionsrunde statt. Bei den Bildungsabenden sprachen DI Schattovits über „Hochschulpolitik“, Bbr. Prof. Dr. Roderich Geyer über das Thema „Bundesbrüderlichkeit“ und Bbr. Prof. Hochw. Franz Edlhofer über das Thema „Verbindungsseelsorger“; die Diskussionsrunde befasste sich ganz im Sinne der Neoburschen mit „Schülerdemokratie an Mittelschulen“. „Schülerdemokratie“, „Antiautoritäre Erziehung“, „Gesellschaftskritik“, „Entwicklungshilfe“, „Vietnamkrieg“ usw. waren beliebte Themen auch unserer studentischen Jugend, die innerhalb der Verbindung und vor allem im Schülerparlament des Gymnasiums immer heftiger, radikaler und linkslastiger diese und ähnliche gesellschaftskritische Problematiken diskutierte.

Schon seit etwa 1967 gab es in der studentischen Jugend der Comagena – ganz dem Zeittrend entsprechende – gesellschaftskritische Meinungen, die nun aber seit 1970 ganze Jahrgänge der Aktivitas erfassten, die voll Verzückung immer mehr die Lösung aller Probleme in jenem kolumbianischen Ei sahen, das man Marxismus nennt. So konnte denn auch eine weltanschauliche Diskussion in unserer Comagena nicht ausbleiben. Einen gewissen Ausgleich zu den starken geistigen Aktivitäten dieses Semesters brachte der Comagena-Sport: Unsere Fußballmannschaft spielte gegen e.v. Rudolfina Wien im CV unentschieden (3:3), und die MKV-Sporttage in Mödling brachten uns schöne Erfolge. Auch die Öffnung eines „Comagena-Bierkellers“ im Hause Zimmerer sorgte für einen geselligen Ausgleich.

Auch im Sommersemester 1970, unter Senior Bbr. Ewald Dopplinger, bestand das Chargenkabinett nur aus Mittelschülern, wenn man von Bbr. Hans Schuh absieht, der 1969 als Verkehrsaktiver aus Braunau am Inn zu uns gestoßen war. Neben der praktischen Aufgabe des Budenausbaues im Salzturm war auch dieses Semester ganz auf geistige Aktivitäten und Diskussionen ausgerichtet. So wurden fünf Bildungsveranstaltungen abgehalten: Zuerst beleuchteten Prof. Friedrich Förstel und Bbr. Friedrich Schindlecker das „Phänomen der Beatles“, dann sprach anlässlich eines Besuches der Verbindung bei Bbr. Pfarrer Anton Uiberall in St. Leonhard/Forst der Hausherr über „Die Kirche in der Krise“; sodann besprach DI Helmuth Schattovits die „Bildungspolitik in Österreich“, Bbr. Min. a.D. Dr. Kurt Waldheim behandelte das Thema „Österreich und die europäische Integration“, und schließlich gab Bbr. Wolfgang Siller Einblick in „Die Grundfragen einer modernen Volkswirtschaft“. Außerdem wurde ein Diskussionsabend über „MKV und Politik“ abgehalten. An geselligen Veranstaltungen dieses Semesters sind die Maiwanderung, ein „Western Saloon“ und die Exkursion in eine Weinhandlung nach Königsbrunn/ Wagram zu nennen.

In der Ferialis 1970 griff Comagena die Gelegenheit auf, im Rahmen der Österreichischen Gartenbaumesse in Tulln erstmals ein Studentencafé zu betreiben. Es ist den BbrBbr. Prof. Karl Heinl und Ing. Dietrich Heindl zu danken, dass sie die Verhandlungen mit der Messeleitung über das Studentencafé erfolgreich abschließen konnten. Das erste Studentencafé stand unter der Leitung der BbrBbr. Ing. Dietrich Heindl, Prof. Karl Heinl und Wolfgang Dier und begründete die seither beinahe lückenlose Durchführung des Studentencafés bei der Österreichischen Gartenbaumesse bis heute; nur 1974 fand wegen der WIG in Wien keine ÖGM statt; dafür aber führte Comagena 1973 und 1974 das Studentencafé zur Campa/Boot-Ausstellung durch.

Der letzte große Impuls dieser Periode der Verbindungsgeschichte fällt in das Wintersemester 1970/71 unter Senior Bbr. Rudolf Keiblinger: Am 1. Oktober 1970 konnte nach vielfältigen organisatorischen Leistungen, ungezählten Arbeitsstunden und großen finanziellen Sorgen die neue Bude im Salzturm mit der Semesterantrittskneipe eröffnet werden. Die offizielle Eröffnung der neuen Bude mit Festmesse und Festakt, bei dem die BbrBbr. Bez.-Hptm. HR Michael Wiesinger und Prof. Dr. Roderich Geyer die Festreden hielten, erfolgte anlässlich des Stiftungsfestes. Zu diesem Zeitpunkt waren der untere und der mittlere Raum bezugsfähig, der obere Raum war noch nicht ausgebaut. Insbesondere die BbrBbr. Prof. Dr. Roderich Geyer als Gesamtverantwortlicher, Bgm. Dir. Edwin Pircher von politischer Seite, Hermann Kramer von finanztechnischer Seite sowie Prof. Karl Heinl und Prof. Rudolf Schmircher von gestalterischer Seite haben sich um den Budenausbau verdient gemacht. In diesem Jahr wurde der Stiftungsfestkommers eine Woche später durch einen „Farbenabend“ ersetzt. Übrigens wurde es damals Sitte, die Kneipen als „Abende“ zu bezeichnen, was auf das allmähliche Entfernen von couleurstudentischem Brauchtum hinweist. Dennoch gab es aber nach außen hin einige herausragende Veranstaltungen dieses so turbulenten Wintersemester 1970/71: Zunächst standen zwei interessante ACAC auf dem Programm, wobei zuerst Kbr. Reinalter unter dem Titel „das JA zur Erde“ in das Denken Teilhard de Chardins einführte und dann die Professoren Zielasko und Bbr. Rudolf Schmircher die „Moderne Malerei in Österreich von 1900 bis 1938“ vorstellten. Ein Filmabend brachte dann die MKV-Sporttage in Mödling, Tulln und Bad Aussee in Erinnerung, und ein „Tag der offenen Tür“ sollte für Comagena werben, brachte aber wenig Resonanz. Anlässlich des Weihnachtskommerses wurden auf Grund ihrer Verdienste um das neue Studentenheim im Salzturm „Pro meritis“-Bänder Comagenae an die BbrBbr. Prof. Dr. Roderich Geyer, Hermann Kramer, Ing. Josef Girschik und Baumeister Anton Matyas (II.) verliehen; besonders geehrt wurde Bbr. Bgm. Dir. Edwin Pircher durch die Verleihung des Ehrenringes Comagenae für seine vielfältigen Verdienste um die Verbindung, nicht zuletzt wegen seiner initiativen Bemühungen um die neue Bude im Salzturm.

Man sollte glauben, dass all diese Impulse ein aktives und gedeihliches Verbindungsleben garantierten. Aber paradoxerweise lebte sich in der neuen herrlichen Bude die Verbindung auseinander und zerfiel in drei Gruppen, die sich zum Teil schroff gegenüberstanden. Die Mehrzahl der damaligen Aktivitas hatte auf Grund damaliger Zeitströmungen (Studentenrevolten von 1968, Jugendprotest, Außerparlamentarische Opposition, Neue Linke, Antiautoritätsmodelle u.a.m.) eine radikalkritische Grundhaltung zur Gesellschaft und ihren traditionellen Werten. Diese weltanschaulich radikale Gruppe versuchte nun, unsere Verbindung ideologisch aus den Angeln zu heben und die traditionsbewusste Verbindung in einen links orientierten Debattierklub für Jugendliche umzufunktionieren. Die zweite Gruppe rekrutierte sich aus den übrigen Aktiven, die ideologisch nicht interessiert waren und das gesellig-bundesbrüderliche Moment in der Comagena bevorzugten. Die dritte Gruppe schließlich bildete die Altherrenschaft, die an der Erhaltung unserer Verbindung mit all ihren Werten und Traditionen existentielles Interesse hatte und daher auch sehr bald auf Konfrontationskurs gegenüber der radikalen Gruppe ging. Immer deutlicher verlagerte sich nun das Verbindungsleben auf die Ebene von Grundsatzdiskussionen: Im so genannten Arbeitskreis „Verbindung“ probte die radikale Gruppe die ideologische Revolution innerhalb unserer Verbindung und arbeitete Modelle aus, um Comagena schrittweise in einen links-kritischen Jugendklub umzugestalten. Vor allem an der Satzungsreform entzündeten sich in den Burschenconventen die Geister. Zunächst wollte die radikale Gruppe die Abschaffung der Couleurpflicht und der Burschenprüfung und die Zulassung von Fuchsen zum BC (was sogar vorübergehend beschlossen wurde); dann aber forderten sie anlässlich einer Diskussion um die Satzungsreform eine Reduktion der Prinzipien auf das bundesbrüderliche Prinzip, die „amicitia“. Damit sollten zwei weltanschauliche Säulen der Verbindung fallen: das katholisch-christliche und das vaterländische Prinzip; das wissenschaftliche Prinzip wurde nicht vollinhaltlich abgelehnt, nur sollten die Studenten in Zukunft selbst über Bildungsinhalte und Unterrichtsmethoden entscheiden. Damit war aber der Bruch mit der Altherrenschaft nicht mehr zu vermeiden, da jetzt die Existenz der Verbindung auf dem Spiel stand. Ein klärendes Gespräch vom 21. Jänner 1971 zwischen den radikalen Burschen und Alten Herren blieb ohne Ergebnis, ja neue Gräben wurden aufgerissen. Jedoch mussten die Radikalen jetzt erkennen, dass sie ihre Forderungen nicht verwirklichen konnten, und zogen sich alsbald resignierend aus dem Verbindungsleben zurück. So endete dieses Semester in tiefer Gespaltenheit und in großem Misstrauen unter den Comagenen.

Der Rückzug der radikalen Burschen aus dem Verbindungsleben riss aber in den folgenden Semestern unsere Verbindung in eine neuerliche schwere personelle Krise, die aber diesmal weltanschaulich-ideologisch bedingt war.