Gründerjahre (1933-1938)

Gründungsphoto der "Katholisch deutschen Studentenverbindung Comagena" zu Tulln
Chargierte der Comagena bei einer Rede von Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß auf dem Tullner Hauptplatz, 1934.

Das Jahr 1933 war für die österreichische und für die Weltpolitik ein bedeutender Wendepunkt. In Österreich löste sich im März 1933 wegen unüberbrückbarer politischer Gegensätze das Parlament auf, und der christlich-soziale Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß regierte von da an ohne parlamentarische Basis. Im Deutschen Reich aber wurde im Jänner 1933 Adolf Hitler Reichskanzler, der bis zum August 1934 die deutsche Demokratie in eine Führerdiktatur umwandelte, die der ganzen Menschheit unsägliches Leid bringen sollte.

In dieser Zeit stärkster politischer Umwälzungen wurde die Studentenverbindung Comagena Tulln gegründet; vielleicht auch aus dem Bestreben, in dieser politisch sehr unruhigen Zeit eine Heimstätte im Bunde weltanschaulich gleichgesinnter Burschen zu finden. Auf Initiative der Mittelschüler Josef Tasler, Walter Rankl, Hans Krutzler und Alois Lanz wurde im Herbst 1933 der Gedanke in die Tat umgesetzt, in Tulln eine Studentenverbindung zu gründen. Hierzu ist zu bemerken, dass in Tulln erst seit dem Schuljahr 1931/32 ein städtisches Realgymnasium bestand und dass alle Gründungsburschen das Gymnasium in Klosterneuburg besuchten. Aber gerade diese Tatsache beflügelte die jungen Studenten, in Tulln eine eigene Verbindung zu gründen.

Nach zahlreichen vorbereitenden Aktivitäten – wobei die Verbindungen Rugia Röschitz und Aggstein St. Pölten als Vorbilder dienten und der eben erst gegründete MKV Geburtshelferdienste leistete – wurde am 8. Oktober 1933 durch den Gründungs-BC die „Katholisch-deutsche Studentenverbindung Comagena“ zu Tulln ins Leben gerufen. In Anbetracht der Wichtigkeit dieses Conventes seien die damals anwesenden Gründer Comagenae genannt: Hochwürden Koop. Hofer, die Lehrer Bandion und Anton Matyas (I.), Prof. Heinrich Dopplinger sowie die Vertreter des eben erst gegründeten MKV Dr. Guido de Bialoruski und DI Jaro Sterbik-Lamina. An jungen Studenten waren Alois Bauer, Hans Krutzler, Alois Lanz, Alfred Oberleitner, Eduard Pichler, Walter Rankl, Ernst Schlichtinger, Heinrich Stahl, Rudolf Schmircher, Bruno Schuppler, Josef Tasler, Kurt Waldheim und Walter Waldheim anwesend.

Der Gründungs-BC wählte folgendes erstes Chargenkabinett Comagenae:

  • Senior: Josef Tasler
  • Consenior: Hans Krutzler
  • Schriftführer 1: Alfred Oberleitner
  • Schriftführer 2: Ernst Schlichtinger
  • Kassier: Alois Lanz
  • Fuchsmajor: Walter Rankl

Der Gründungssenior Josef Tasler nahm daraufhin den anwesenden Studenten den Burscheneid ab und rezipierte die Gründungs-Fuchsen Kurt und Walter Waldheim. Dann beschloss der Gründungs-BC den Verbindungsnamen „Katholisch-deutsche Studentenverbindung Comagena“, den Wahlspruch „Einigkeit macht stark“ und die Verbindungsfarben „Blau-Weiß-Gold“. Der literarisch begabte Gründungssenior Josef Tasler hat selbst Comagenas Farbenlied („Wachet auf, ihr tapferen Ahnen...“), die Burschenstrophe („Comagenas Burschen führen Blau-Weiß-Gold in ihrem Schild...“) und die Fuchsenstrophe („Nützen wir die jungen Tage...“) ersonnen. Erst nach der Wiedergründung Comagenas im Jahre 1949 wurde nur das Farbenlied durch das heutige Bundeslied ersetzt; Burschen- und Fuchsenstrophe sind aber von 1933 bis heute gleich geblieben.

Der Gründungskommers Comagenae am 4. und 5. November 1933 war zugleich die Geburtsstunde der Verbindung in der Öffentlichkeit. Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, zahlreiche Gastverbindungen und Gäste frequentierten diesen Kommers; wegen ihrer Verdienste um die Gründung der Verbindung wurden den frühen Förderern Min. a.D. Rudolf Buchinger und Reg.-Rat. Walter Waldheim die Bänder Comagenae (als Ehrenmitgliedern) verliehen. An Landeshauptmann Josef Reither aus Langenrohr wurde die Ehrenmitgliedschaft wegen seiner Verdienste um die engere Heimat anlässlich des ersten Weihnachtskommerses verliehen. Die hochgestellten Persönlichkeiten aus dem Tullner Feld übernahmen mit den Ehrenbändern auch die Patronanz über die junge Verbindung und gaben ihr den nötigen Rückhalt in der Öffentlichkeit.

Es wird wenigen bekannt sein, dass der Studentenball, der seit 1948 vom Gymnasium Tulln veranstaltet wird, in den Dreißiger Jahren einen Vorläufer hatte: Comagena Tulln veranstaltete am 20. Jänner 1934 in den Tullner Stadtsälen ihren ersten und sehr gelungenen Studentenball.

Das 2. Semester Comagenae, das Sommersemester 1934 unter Senior Bbr. Walter Rankl, wurde von den bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen im Februar überschattet, wobei 12 Comagenen bei den ostmärkischen Sturmscharen und sechs beim christlich-deutschen Turnverein im Bereitschaftsdienst der legalen Macht standen, ebenso wie nach der Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Engelbert Dollfuß am 25. Juli 1934. Eine Damenkneipe, die gemeinsam mit e.v. Rudolfina Wien im Cartellverband (CV) geschlagen wurde, bildete einen Lichtblick in dieser politisch so unheilschwangeren Zeit.

Das Wintersemester 1934/35 unter Senior Bbr. Walter Rankl wurde zu Beginn durch den plötzlichen Tod von Bbr. Josef Bandion überschattet, der beim Baden in der Donau ertrank. Nach dem im engen Rahmen gehaltenen Stiftungsfest chargierte Comagena bei der vaterländischen Kundgebung am 15. November 1934 in Tulln, bei der Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg sprach. In diesem Zusammenhang scheint von Interesse, dass Comagenas Chargierte in der Gründerzeit 1933 bis 1938 Wichsen mit blauen Fläusen trugen. Nach dem Weihnachtskommers, an dem Min. a.D. Buchinger und Reg.-Rat Waldheim teilnahmen, übersiedelte Comagena vom Gasthaus Buchinger, wo die Verbindung nur einen Raum als Bude hatte, in die neuere größere Bude im Gasthaus Pfannhauser. Auch der 2. Studentenball Comagenae wurde in Anwesenheit des zum Landwirtschaftsminister avancierten Josef Reither ein voller Erfolg.

Im Sommersemester 1935 war Bbr. Ernst Schlichtinger Senior Comagenae. Interessant, was uns der Consenior des Semesters, Bbr. Kurt Waldheim, der sich übrigens mit einer schönen Zeichnung in der Chronik verewigt hat, berichtet: Mit Sorge beobachtete er die weltpolitischen Vorgänge rund um die Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland, den Einmarsch Italiens in Abessinien und die gewaltige Aufrüstung der Großmächte. Schon damals zeigte sich in unserer Verbindung das enorme außenpolitische Interesse des späteren Diplomaten Dr. Kurt Waldheim, dessen Karriere als Botschafter, Außenminister (1968-1970), UN-Generalsekretär (1971- 1981) und Bundespräsident (1990-95) unsere Verbindung mit Stolz erfüllt. Bbr. Kurt Waldheim weiß aus diesem Semester aber nicht nur Sorgenvolles, sondern auch Schönes aus der Welt der Comagena zu berichten: von einem herrlichen Couleurausflug „ins Blaue“, von der eindrucksvollen Fronleichnamsprozession und von einer groß aufgezogenen Sonnwendfeier mit berufsständischer Ordnung der Teilnehmer. Die Teilnahme unserer Verbindung an der Fronleichnamsprozession bildet seit 1935 einen traditionellen Höhepunkt im Verbindungsleben.

Das Wintersemester 1935/36 sah Bbr. Kurt Waldheim an der Spitze der Verbindung. Anlässlich des Stiftungsfestes wurde dem damaligen Tullner Gymnasialdirektor Dr. Lechner die Ehrenmitgliedschaft Comagenae verliehen, und damit eine Stütze im Gymnasium – dem personellen Nachschubreservoir der Verbindung – gefunden. In diesem Semester war dann auch der Zustrom junger Gymnasiasten zur Comagena sehr stark, so dass die Fuchsia zeitweilig bis auf zehn Fuchsen anwuchs. Ende 1935 übersiedelte Comagena in die neue Bude im Gasthaus Gruber, wo sie bis 1938 eine Heimstätte fand. Dieses erfolgreiche Semester schloss mit dem nun schon traditionell gewordenen Studentenball und zwei Allgemeinen Conventen (ACAC), die Bbr. Heinrich Stahl über seine Studienreise hielt.

Im Sommersemester 1936 unter Senior Bbr. Josef Tasler wurden Spielabende für Pingpong und Kartenspiele eingerichtet, nahm unsere Korporation an der MKV-Tagung in Innsbruck teil, und es wurde ein Stadtbummel durchgeführt; leider verhinderte die durch Streitigkeiten mit dem Wirt wieder aktuell gewordene Budenfrage weitere Aktivitäten.

So war denn auch das Wintersemester 1936/37 unter dem Senior Bbr. Ludwig Lechner anfangs nicht sehr aktiv, ja die Chronik erwähnt nicht einmal die Abhaltung des Stiftungsfestes! Immerhin konnten dann eine Damenkneipe, der Weihnachtskommers und der Studentenball durchgeführt werden. An diesem Weihnachtskommers war erstmals Prof. Dr. Johann Katzenschlager inmitten der Comagenen; wie oft sollte er später noch die Bundesbrüder bei diesem Fest durch seine sinn- und würdevollen Beiträge erfreuen!

Im Sommersemester 1937 gelang es dem Chargenkabinett (CC) unter Senior Bbr. Hans Filz, die Philister Comagenae für Veranstaltungen der Verbindung zu gewinnen. Hiezu ist zu bemerken, dass Comagena 1933 bis 1938 wohl schon zahlreiche Philister, aber noch keine institutionalisierte Altherrenschaft mit Philisterchargen besaß. So hielt Alter Herr (AH) Hermann Biack einen interessanten Allgemeinen Convent (AC) über die „Lebensweise noch lebender Urvölker“, und Hochwürden Edelhauser sprach über „Religion und Religionen“ sowie über „Die christlichen Religionen im Deutschen Reiche“. Erst am Ende dieses Semesters wurde das Stiftungsfest abgehalten.

Das letzte Semester vor Auflösung der Verbindung war das Wintersemester 1937/38 unter Senior Bbr. Ernst Dotzauer. Der Chronist dieses Semesters erwähnt einen fröhlichen „Budensuff“, ein Wettschießen und einen stimmungsvollen Weihnachtskommers. Dann aber endet die Chronik mit den Eintragungen: „10. Semester 1938; Wahl-BC am 21. Jänner 1938; Umsturz März 1938; Auflösung der Verbindung Comagena.“ Den welthistorischen Hintergrund dieser Eintragungen bildet der für Österreich so folgenschwere „Anschluss“ an das Deutsche Reich. Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein und setzten der Ersten Republik en gewaltsames Ende. Unser Vaterland hatte als souveräner Staat zu bestehen aufgehört und wurde in das Deutsche Reich eingegliedert. Nach dem Willen der nun über Österreich herrschenden nationalsozialistischen Machthaber sollte Österreich nicht nur staatlich, sondern auch ideell ausgelöscht werden. Daher wurden all jene Organisationen verboten, die als Träger einer vaterländischen „Österreichidee“ galten, allen voran die österreichischen Studentenverbindungen. So wurde auch die „Katholisch-deutsche Studentenverbindung Comagena“ zu Tulln aufgelöst und jede Art von Verbindungstätigkeit verboten. Durch dieses jähe Ende unserer Verbindung wurden fünf aktive Aufbaujahre abrupt unterbrochen und die Institution der Comagena zerstört. Unzerstörbar aber waren die vielen schönen Erinnerungen, und ungebrochen blieb der Wille vieler Comagenen, die ihnen so teuer gewordene Studentenverbindung Comagena dereinst wieder entstehen zu lassen.